Ich Wachse, über mich hinaus

Vorgeschichte

Ich bin 22 Jahre alt, als die ersten Symptome beginnen. Plötzlich sind sie da und ich verstehe nicht, warum. Mit der Zeit werden sie immer stärker. Ich teile meine Sorgen und meinen Kummer mit meinen engsten Menschen. Doch statt Unterstützung spüre ich Abstand. Ich höre Sätze wie: „Hatice, stell dich nicht so an. Da ist doch nichts. Das wird schon.“ 

Aber es wird nicht besser. Es wird schlimmer. Ich gehe zu Ärzten, doch immer wieder bekomme ich falsche Einschätzungen. Mir wird gesagt, ich solle mehr Sport machen. Aber nichts davon hilft.

Mit 24 lerne ich meinen Mann kennen. Mit 26 heirate ich. Mit 27 bekomme ich mein erstes Kind, mit 28 mein zweites.

Während all dieser Zeit verschlimmern sich meine Symptome immer weiter. Gleichzeitig wird mein Umfeld immer kleiner. Freunde und Familie ziehen sich zurück. Niemand fragt, wie es mir geht. Niemand bietet Hilfe an. Niemand ist da. Nur mein Mann und meine beiden Kinder bleiben an meiner Seite. 

Mit 29 kann ich nicht mehr. Ich kann kaum noch stehen oder gehen. Mein Gleichgewicht ist gestört. Meine Feinmotorik funktioniert nicht mehr. Essen, trinken oder etwas festhalten wird zur Herausforderung. Ja, sogar meine Kinder zu halten. Ich ziehe mich immer mehr zurück und gerate in Isolation. Ich habe Angst. Meine Kinder wachsen mit einer kranken Mama auf. Ihr Papa arbeitet Vollzeit. Wir sind die meiste Zeit zuhause. Nur am Wochenende können sie mit ihm etwas unternehmen.

Aber niemand hat je gefragt: „Hatice, wie geht es dir eigentlich?“, „Brauchst du Hilfe?“, „Können wir für dich da sein?“

Niemand.

Wiedergeburt

Mit 30 bekomme ich endlich meine Diagnose. Parkinson PINK1. Es fühlt sich an wie eine Wiedergeburt. Ich beginne, alles neu zu lernen. Stehen, gehen, mein Gleichgewicht halten. Eine Therapie folgt der nächsten und mit jeder einzelnen wachse ich ein Stück mehr. Mein Selbstbewusstsein kommt zurück. Ich finde wieder zu mir selbst.

Mut

Ich starte meine Instagram Seite und beginne, alles zu teilen. Alles, was sich über die Jahre angestaut hat. Ich weine. Ich bin ehrlich. Ich bin echt. Ich verstecke keine einzige Emotion. Ich erzähle meine Geschichte und plötzlich hören mir Menschen zu. Das ist etwas unglaublich Wertvolles. Dann kommen immer mehr dazu. Menschen mit ähnlichem Leid. Menschen, die mich verstehen. Sie urteilen nicht. Im Gegenteil, sie begegnen mir mit Empathie und echtem Verständnis.

Dann kommt diese eine E Mail.

Am 11.02.2026 finde ich sie zufällig im Spam Ordner. Eine Anfrage für eine Dokumentation von Quarks.

„Sehr geehrte Hatice,

ich bin über Instagram auf Sie aufmerksam geworden und es hat mich sehr berührt, wie Sie über Ihre Parkinson PINK1 Erkrankung sprechen.

Ich bin Autor und Filmemacher und möchte gerne einen Beitrag über dieses Thema für die WDR Quarks Redaktion machen.

Mich beeindruckt, wie offen Sie mit Ihrer Erkrankung umgehen. Ich finde, das kann vielen anderen Mut machen. Auch dass die Diagnose für Sie eine Erleichterung war, weil Sie endlich wussten, woran Sie sind, beschreiben Sie sehr treffend.

Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen in Kontakt zu kommen.“

Eine Welle von Gefühlen überrollt mich. Tief in mir hatte ich mir genau das gewünscht, als ich meine Instagram Seite gestartet habe. Aber dass es so schnell Realität wird, damit habe ich nicht gerechnet. Ich wusste zuerst nicht, wohin mit mir vor lauter Aufregung.Also begann ich zu recherchieren. Ich wollte sicher sein, dass alles echt ist. Ich suchte nach Informationen über Quarks und den Kontakt. Nach kurzer Zeit war mir klar, dass die Anfrage seriös ist. Ich antwortete auf die E Mail und kurz darauf telefonierten wir. Ich erzählte von mir und wir vereinbarten ein Treffen bei mir zuhause, um alles Weitere zu besprechen und zu planen. Ich habe nichts zurückgehalten. Alles, was meine Ärzte wussten, wusste auch das Filmteam. Es war mir wichtig, dass sie mich verstehen. Wie ich denke. Wie ich fühle. Wie ich zu der Person geworden bin, die ich heute bin. So konnte ich auch meine Grenzen klar setzen. Grenzen, die respektiert und eingehalten wurden. 

Ich sprach auch über meine Freundin Selin, die ich in der Reha kennengelernt habe. Sie lebt mit MS und ist für mich viel mehr als nur eine Freundin. Es war mir wichtig, sie auf diesem Weg mitzunehmen. Ihre Hand zu halten und gemeinsam Mut zu finden.

Nachdem wir alles geplant hatten, verabschiedeten wir uns.

Und dann ging es auch schon am Wochenende los.

Cafe Besuch

Szene 1

Es war ein sehr früher Sonntagmorgen. Der Kameramann holte mich von zuhause ab und wir machten uns auf den Weg nach Dortmund, um Selin abzuholen. Dort angekommen, wurden wir mit Mikrofonen ausgestattet. Danach stiegen wir wieder ins Auto und fuhren in ein Café in der Nähe. Die Szene sollte authentisch und natürlich wirken. Deshalb versuchten wir, die Kamera auszublenden und einfach wir selbst zu sein. Wir unterhielten uns ganz normal, als wäre niemand dabei. Zwischendurch bekamen wir Anweisungen. Wir sollten bestimmte Themen ansprechen, die später in die Dokumentation eingebaut werden sollten. Also ließen wir die Gespräche bewusst in diese Richtung fließen.

Was ich besonders schön fand war, dass auch festgehalten wurde, wie ich Inhalte für meinen Instagram Kanal produziere. Dann kam die Bitte, dass wir uns selbst mit dem Handy filmen. Das haben wir mit Freude gemacht, weil wir so gleichzeitig Material für Social Media erstellen konnten.

Manchmal wurde ich auch gebeten, einzelne Aussagen noch einmal zu wiederholen, damit sie aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen werden konnten.

Der Tag war unglaublich schön. Wir haben viel gelacht und hatten eine richtig gute Zeit. Schade, dass alles nur auf einen Cafébesuch begrenzt war. Ein paar Einblicke habe ich hier für euch festgehalten.

Szene 2 - Content

Wieder zuhause angekommen, habe ich mich schnell umgezogen, denn es ging direkt weiter. Ich sollte zeigen, wie ich Inhalte für meinen Instagram Kanal produziere. Ich erzählte vorher, dass ich bereits ein Video aufgenommen hatte, in dem ich meine Symptome im Alltag zeige. Ganz ehrlich und ungefiltert. Das fand das Team sehr spannend. Also setzte ich mich hin und bearbeitete das Video vor der Kamera zu Ende. Das fertige Reel wurde später sehr gut aufgenommen und ich habe es auch auf meinem Kanal veröffentlicht.

Szene 3 - Alltag

In der nächsten Szene ging es um einen Einblick in unseren Alltag. Mein Mann und ich spielten gemeinsam mit unseren Kindern im Kinderzimmer. Dabei wurden wir eine Zeit lang begleitet. Es war ein ruhiger, echter Moment aus unserem Leben. Leider gibt es zu dieser Szene keine Bilder. Der Tag ging damit zu Ende und wir verabschiedeten uns.

Der zweite Drehtag
Physiotherapie und Reportage

Szene 4 - Physio

Auch dieser Tag begann sehr früh. Ich wurde erneut von zuhause abgeholt und wir fuhren zur Physiotherapie. Dieser Ort bedeutet mir viel. Er hat mich gestärkt und mir immer wieder Motivation gegeben, weiterzumachen. Wir führten wichtige Übungen durch, zum Beispiel die Embryonalhaltung, um mein Gleichgewicht zu trainieren. Dazu kamen weitere Einheiten für Muskelaufbau, Koordination und Konzentration. Es war anstrengend, aber gleichzeitig auch ein Ort, an dem ich Fortschritte gespürt habe.

Szene 5 - Reportage

Wieder zuhause habe ich mich schnell umgezogen, dieses Mal etwas schicker. Denn nun stand eine persönliche Reportage an. Nur der Kameramann, die Kamera und ich. Bereits beim ersten Gespräch nach unserem Telefonat hatten wir gemeinsam festgelegt, welche Themen in der Dokumentation vorkommen dürfen. Darauf basierend hatte der Kameramann einen Fragenkatalog vorbereitet. Ich habe jede Frage offen beantwortet. Dabei sind auch Tränen geflossen. Vor allem bei der Frage: „Wie sind deine Kinder mit deiner Krankheit umgegangen?“ Ich wollte eigentlich stark bleiben. Ich wollte zeigen, dass ich alles im Griff habe. Aber bei diesem Thema konnte ich meine Gefühle nicht zurückhalten. Meine Kinder sind mein emotionalster Punkt und in diesem Moment kamen die Tränen ganz von allein. Nach der Reportage bat er mich noch um eine weitere Szene. Ich sollte, ähnlich wie bei meinem ersten viralen Reel, mein Hochzeitsvideo kommentieren. Also startete ich den Film und begann zu erzählen. Ich sprach darüber, wie sich meine Symptome damals bereits gezeigt haben und wie ich mich in diesen Momenten gefühlt habe.

Der dritte Drehtag
Lübeck und die Parkinson Studie

Lübeck ist für mich ein ganz besonderer Ort. Deshalb werde ich ihm eine eigene Seite widmen. Lübeck hat seine ganz eigene Geschichte und verdient es, gesondert erzählt zu werden. Bei meinem letzten Besuch zur Studie wurden zwei Untersuchungen nicht durchgeführt. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, noch einmal dorthin zu reisen. Gemeinsam mit dem Team nahmen wir Kontakt zur Klinik auf und erklärten, dass wir mit Kamera anreisen möchten, um anderen Betroffenen Mut zu machen und mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. Die Universitätsklinik Lübeck unterstützte dieses Vorhaben und etwa einen Monat später reiste ich mit Bus und Bahn dorthin. In Lübeck angekommen, machte ich mich zunächst auf den Weg ins Hotel. Den Anreisetag verbrachte ich ganz ruhig in der Stadt. Ich stärkte mich, machte Fotos für meinen Instagram Kanal und bereitete mich innerlich auf den nächsten Tag vor.

Drehtag

Der Drehtag begann wie gewohnt sehr früh. Ich wurde mit einem Mikrofon ausgestattet und ein Taxi brachte den Kameramann und mich zur Universitätsklinik Lübeck. Dort wurden wir bereits erwartet und sehr freundlich empfangen. Die Untersuchungen begannen direkt. Es wurden verschiedene neurologische Tests durchgeführt. Der wichtigste Teil war jedoch die Untersuchung in der Nuklearmedizin. Es sollte ein DaTscan gemacht werden. Dafür wurde mir ein Kontrastmittel über die Vene verabreicht. So konnten bestimmte Bereiche im Gehirn genauer dargestellt werden, um die Diagnose Parkinson eindeutig zu bestätigen. Diese Untersuchung war gleichzeitig die letzte Aufnahme für die Dokumentation. Nach dem Drehtag verabschiedeten wir uns.

Abschluss

Wenn ich heute zurückblicke, staune ich selbst darüber, wohin mich meine Krankheit geführt hat. Als die ersten Symptome begonnen haben, habe ich sie nur als Belastung gesehen. Ich wusste nicht, was mit mir passiert und hatte keinen Namen für das, was ich durchmachte. Ich hätte nie gedacht, dass mich genau das eines Tages an diesen Punkt bringen würde.

Heute bin ich dankbar.

Dankbar für die Erfahrungen.
Dankbar für die Menschen, die ich kennenlernen durfte.
Dankbar für die Stärke, die ich in mir gefunden habe.

Ich danke dem WDR für diese besondere Möglichkeit und diese wertvolle Erfahrung. Es sind Momente entstanden, die bleiben. Verbindungen, die mich tragen und stärken. Begegnungen auf Augenhöhe, geprägt von Verständnis und echtem Mitgefühl.

Deshalb sage ich heute mit voller Überzeugung:

Es ist wichtig, was man aus dem macht, was man hat.

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„Die Stärke, die man im Kampf gegen Parkinson entwickelt, ist unermesslich. Diese Doku gibt so viel Hoffnung und Mut.“

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