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Wie Multiple Sklerose Selin's Leben veränderte

Im April 2024 hat sich mein Leben komplett verändert. Aber eigentlich begann alles schon viel früher. Bereits im Juni 2023 merkte ich, dass etwas mit meinem Körper nicht stimmt. Ich konnte immer schlechter laufen. Jeder Schritt wurde schwerer. Irgendwann konnte ich nur noch mit Unterstützung gehen. Trotzdem redete ich mir ein, dass alles „nur“ von meinem Bandscheibenvorfall kommt, vom vielen Sitzen durch Studium und Arbeit. Ich wollte nicht glauben, dass mehr dahintersteckt. Monate vergingen. Arzttermine. Untersuchungen. Schmerzen. Hoffnung. Enttäuschung.

Zwischen den Besuchen bei der Neurologin war ich immer wieder beim Orthopäden und beim Hausarzt. Weitere Untersuchungen wurden durchgeführt, aber niemand konnte mir wirklich sagen, warum mein Körper immer weiter abbaut.

Dann kam die zweite Überweisung ins Krankenhaus nach Dortmund. Ende März beziehungsweise Anfang April 2024 wurde ich erneut aufgenommen. Diesmal folgten viele intensive Untersuchungen. MRTs. Nervenwasserentnahme (Lumbalpunktion). Gespräche mit Ärzten. Tage voller Angst und Ungewissheit.

Und am 20. April 2024 kam schließlich die Diagnose: Multiple Sklerose.

Zusätzlich zu meinem Bandscheibenvorfall.

Die Ärzte erklärten mir, dass die Situation bei mir besonders schwierig sei, weil sich Läsionen genau dort befinden, wo auch mein Bandscheibenvorfall liegt. Insgesamt wurden mehrere Läsionen im Gehirn, am Nacken und am Rücken festgestellt. Genau deshalb verschlechterte sich auch meine Gehfähigkeit so extrem.

Ich bekam Kortisonstoßtherapie und später die Ocrevus-Infusionstherapie. Nach dem Krankenhausaufenthalt ging es zunächst besser. Ich konnte wieder freier denken. Freier leben. Ich hatte Hoffnung.

Doch im September 2024 kam der nächste Zusammenbruch. Meine Depressionen wurden stärker. Ich versuchte monatelang, irgendwie weiterzumachen. Bis Dezember kämpfte ich still gegen mich selbst an. Aber irgendwann hatte ich keine Kraft mehr.

Im Dezember 2024 wollte ich meinem Leben erneut ein Ende setzen.

Und genau in diesem Moment hörte ich die Stimme meiner Mutter. Ich kann bis heute nicht erklären, warum genau dieser Augenblick alles verändert hat. Aber ich weiß noch, dass ich den Gegenstand sofort weggeworfen habe. Dieser Moment wurde mein Wendepunkt. Nicht weil plötzlich alles gut war.  Sondern weil irgendwo tief in mir noch ein Teil leben wollte.

2025 wurde ich erneut ins Krankenhaus eingeliefert und anschließend direkt in eine Reha-Klinik gebracht. Dort begann langsam etwas zurückzukommen, das ich lange verloren hatte: Hoffnung.

Mein Körper reagierte positiv auf die Therapien. Die Ärzte und Therapeuten freuten sich über meine Fortschritte. Und Schritt für Schritt begann ich wieder aufzustehen — körperlich und mental. Aber in dieser Zeit habe ich auch etwas sehr Schmerzhaftes verstanden: Ich kämpfe diesen Kampf größtenteils alleine.

Zwischen meinem Reha-Aufenthalt und heute ist vieles passiert. Psychisch war ich vollkommen erschöpft. Und genau in dieser Zeit habe ich gemerkt, wie wenig Menschen wirklich verstehen, was in einem kranken Menschen vorgeht. 

Viele sagten zu mir:

„Du bist doch noch jung.“  „Du musst dir einfach mehr Mühe geben.“  „Das wird schon wieder.“

Aber niemand hat verstanden, wie sich mein Körper wirklich angefühlt hat. Niemand hat gesehen, wie sehr ich innerlich jeden einzelnen Tag kämpfen musste. Ich habe kaum familiäre Unterstützung. Kaum emotionale Unterstützung.  Kaum Menschen, die wirklich verstehen, wie schwer dieser Weg ist. Und irgendwann musste ich akzeptieren: Wenn ich nicht für mein Leben kämpfe, tut es niemand. Diese Erkenntnis hat wehgetan. Sehr sogar. Aber genau diese Einsamkeit hat in mir auch etwas verändert. Denn ich habe verstanden, dass Aufgeben für mich keine Option mehr ist. Wenn ich aufgebe, endet mein Leben. Und das kann ich nicht zulassen. Ich muss weitermachen. Ich muss wieder gesund werden.  Ich muss mein Leben neu aufbauen — auch wenn ich diesen Weg größtenteils alleine gehen muss.

Und trotzdem gab es zwei Menschen, die mich verstanden haben. Zwei Freundinnen, die mir wirklich zugehört haben. Die nicht nur meine Krankheit gesehen haben, sondern mich als Menschen. Manchmal reichen wenige Menschen aus, damit man nicht komplett zerbricht.

Heute kämpfe ich immer noch. Mit MS.  Mit essentiellem Tremor.  Mit Depressionen. Mit Schmerzen.  Mit Rückschlägen.

Aber eines hat sich verändert: Ich will leben.

Ja, ich musste mein Berufsleben und mein Studium pausieren. Anderthalb Jahre lang stand mein Leben gefühlt still. Aber ich habe mir ein Ziel gesetzt: Ich möchte zurück ins Leben. Ich möchte meine Umschulung im sozialen Bereich machen. Ich möchte meinen Bachelor abschließen.  Und ich möchte Menschen Mut machen, die gerade selbst kämpfen. Denn vielleicht liest das hier gerade jemand, der denkt, er schafft es nicht mehr.

Bitte glaub mir: Auch wenn du gerade keinen Ausweg siehst — dein Leben kann sich wieder verändern. Nicht von heute auf morgen.  Nicht ohne Schmerzen.  Aber Schritt für Schritt. Und manchmal beginnt Stärke genau dann, wenn man eigentlich dachte, man hätte keine mehr.

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